Manch einer kennt die Methode des „Spiegelns“ aus der Psychologie, von Sessions oder Coachings. Verkürzt gesagt geht es darum, sich selbst in seinem Gegenüber zu erkennen. Wenn uns etwas an anderen stört, seien wir es oft selbst, die diese Eigenschaft verkörpern. Weil wir sie in uns selbst ablehnen und verneinen, projizieren wir die Ablehnung auf unser Gegenüber – so die Theorie. Wer das nicht aus eigener Erfahrung kennt, hat sich vielleicht schon mal darüber gewundert, wie vehement ein Bekannter einen Dritten kritisiert und dabei übersieht, dass seine eigene Kritik auch auf ihn selbst zutrifft.
Die populäre Amerikanerin Byron Katie hat diesen Ansatz verfeinert. Sie regt etwa an, einfach mal das Gegenteil dessen anzunehmen, was man glaubt, diese Antithese dann ganz nüchtern zu betrachten – sie vor allem aber zunächst vorurteilsfrei anzunehmen. Die gedankliche Umkehr birgt bei ihren Gesprächspartnern oft erstaunlich erhellende Momente.
Diesen radikalen Perspektivenwechsel möchte ich an zwei Beispielen aus der Politik illustrieren. Da mir niemand bekannt ist, der das vor mir so versucht hat, beanspruche ich jetzt mal den Namen: Orwellscher Spiegel für die Methode, lasse mich aber gerne belehren.
Beispiel 1:
A) Die politischen Eliten wollen Frieden und wirtschaftliches Wachstum, um den absoluten Wohlstand der Bevölkerung zu mehren.
B) Die politischen Eliten wollen Krieg und Rezession, um ihren eigenen, relativen Wohlstand zu mehren.
Ich glaube nicht an Szenario A), an eine „heile Welt“.
Beispiel 2:
1. Wikileaks ist eine Organisation, die im Interesse der Öffentlichkeit auf transparente Weise Informationen zugänglich macht, dabei Whistleblower schützt und so die politischen Eliten unter Druck setzt.
2. Wikileaks ist eine Organisation, die im Interesse der politischen Eliten auf intransparente Weise Informationen zurückhält, dabei Whistleblower entlarvt und so die Bevölkerung unter Druck setzt.
Wie verhalten sich die Beispiele zueinander? In einer „heilen Welt“, in der sich Demokratien selbst regulieren und Korruption begrenzen, wäre ein idealtypisches Wikileaks (wie in Bsp. 2.1.) womöglich gar unnötig. An dem negativen Gegenentwurf hätten die politischen Eliten dann per Definition (Bsp. 1.A)) kein Interesse. Die meisten Leser werden aber der idealtypischen Idee von Wikileaks zustimmen, weil sie eine derartige Organisation für notwendig halten, da sie ebenso wenig wie ich glauben, dass wir in einer funktionierenden Demokratie leben.
Je mehr wir uns von dem Bild einer „heilen Welt“ entfernen, desto mehr fürchten sich die politischen Eliten vor dem idealtypischen Wikileaks. Aber: Nicht nur fürchten sie sich vor einer solchen Organisation, sie würden sich außerdem auch sehnlichst den Gegenentwurf von Wikileaks für ihre Zwecke herbeisehnen. Mit diesem Machtinstrument könnten sie mit hoher Glaubwürdigkeit Informationen durch die Hintertür platzieren, während sich unbedarfte Informanten gefährden, indem sie der Organisation vertrauen.
Womit haben wir es tatsächlich zu tun? Wenn ich versuche, den Fall vorurteilsfrei und logisch zu betrachten, den Hype ausblende und mir die Fakten ansehe, finde ich leider wenig, was gegen letzteres Szenario spricht. In meinem nächsten Beitrag werde ich versuchen, Gründe und Indizien für dieses – zugegeben sehr pessimistische – Bild zusammenzutragen und bin für Anregungen, Kommentare und Gegenargumente dankbar.